Sobald ein neues Vorsorgeprodukt angekündigt wird, kommt in der Beratung fast immer dieselbe Frage: “Und was mache ich jetzt mit dem, was ich schon habe?” Das Altersvorsorgedepot ab 2027 ist ein zusätzlicher geförderter Baustein - kein Abrissbagger für bAV, Riester, Rürup und private Rentenversicherung. Es verändert den Vergleich, nicht den Wert deiner bestehenden Verträge.
Warum diese Bausteine unterschiedliche Aufgaben haben
Viele Vorsorgeentscheidungen werden unnötig schwer, weil Produkte gegeneinander gestellt werden, die gar nicht dasselbe Problem lösen. Das ist ungefähr so hilfreich wie die Frage, ob ein Werkzeugkasten besser ist als eine Bohrmaschine.
Das Altersvorsorgedepot soll die geförderte private Altersvorsorge kapitalmarktnäher machen. Die betriebliche Altersversorgung läuft über den Arbeitgeber und lebt von dessen Beteiligung. Riester ist vor allem für bestehende Verträge relevant. Die Basisrente gehört zur Basisversorgung und wirkt über den steuerlichen Sonderausgabenabzug. Private Rentenversicherungen verbinden Kapitalanlage mit einer lebenslangen Rentenzahlung und Garantieelementen.
| Baustein | Hauptaufgabe | Besonders relevant, wenn ... |
|---|---|---|
| Altersvorsorgedepot | geförderter, kapitalmarktnaher Ruhestandsaufbau | du Förderung, lange Laufzeit und Kapitalmarktnähe verbinden willst |
| Betriebliche Altersversorgung | Altersvorsorge über den Arbeitgeber | dein Arbeitgeber deutlich zuschießt oder ein günstiger Gruppenvertrag besteht |
| Riester | bestehende Förderung und Altvertragslogik | du Zulagen, Garantien oder gute Altbedingungen im Vertrag hast |
| Basisrente (Rürup) | steuerlich geförderte Basisversorgung | du selbstständig bist oder eine hohe Steuerlast trägst |
| Private Rentenversicherung | lebenslange Rente, Garantien, Auszahlungsstruktur | du planbare Auszahlungen und Rentensicherheit suchst |
Die bessere Frage lautet nicht "Welches Produkt ist das beste?", sondern "Welche Aufgabe soll welcher Baustein in meiner Vorsorge übernehmen?"
Altersvorsorgedepot oder betriebliche Altersvorsorge?
Hier liegt für Angestellte der wichtigste Vergleich, und er wird am häufigsten falsch geführt.
Eine bAV kann sehr stark sein, wenn der Arbeitgeber spürbar mitzahlt. Bei Entgeltumwandlung muss er nach § 1a Betriebsrentengesetz grundsätzlich 15 Prozent des umgewandelten Entgelts zusätzlich weiterleiten, soweit er dadurch Sozialversicherungsbeiträge spart. Manche Arbeitgeber zahlen freiwillig deutlich mehr, teils 20, 30 oder 50 Prozent. Geld, das jemand anders in deinen Vertrag einzahlt, ist schwer zu schlagen - kein Kapitalmarkt liefert dir zuverlässig eine sofortige Rendite in dieser Größenordnung.
Das Altersvorsorgedepot funktioniert anders. Es hängt nicht am Arbeitgeber, sondern an dir. Ab 2027 soll es über Fonds, ETFs und kapitalmarktnahe Anlagen laufen und staatlich gefördert werden. Du nimmst es beim Jobwechsel mit, ohne über Übertragungswerte und neue Versorgungsordnungen zu diskutieren.
Wichtig ist der Blick über den Beitrag hinaus: Entgeltumwandlung senkt dein sozialversicherungspflichtiges Bruttoentgelt. Das reduziert heute Abgaben, kann aber später auch gesetzliche Rentenansprüche und Leistungen wie Krankengeld oder Elterngeld beeinflussen. In der Auszahlphase kommen auf Betriebsrenten in der Regel Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung hinzu. Ein sauberer Vergleich rechnet deshalb nicht Beitrag gegen Beitrag, sondern Nettoaufwand heute gegen Nettoleistung später.
Einordnung aus der Praxis: Bei starkem Arbeitgeberzuschuss, niedrigen Kosten und einem transparenten Vertrag gehört die bAV zuerst ausgeschöpft. Bleibt der Arbeitgeber beim gesetzlichen Minimum, ist der Tarif teuer oder willst du unabhängig vom Arbeitsverhältnis bleiben, rückt das Altersvorsorgedepot nach vorn. Beides nebeneinander ist möglich, solange die Gesamtsparrate dauerhaft trägt.
Altersvorsorgedepot oder private Rentenversicherung?
Eine private Rentenversicherung löst ein Problem, das ein Depot von sich aus nicht löst: Sie zahlt, solange du lebst. Je nach Tarif kommen garantierter Rentenfaktor, Hinterbliebenenschutz, Fondsanlage oder klassische Sicherungselemente dazu.
Das Altersvorsorgedepot ist näher am Kapitalmarkt und damit auch näher an dessen Schwankungen. Für die Auszahlung sind nach aktuellem Stand mehrere Wege vorgesehen, unter anderem eine lebenslange Leibrente oder ein Auszahlplan, der mindestens bis zum 85. Lebensjahr läuft. Beim Auszahlplan kann das Kapital danach aufgebraucht sein. Wer sehr alt wird, braucht dafür eine Antwort - am besten von Anfang an und nicht mit 84.
Die ehrliche Einordnung: Kapitalmarktnähe zahlt sich vor allem über lange Zeiträume aus. Wer noch 25 oder 30 Jahre bis zum Ruhestand hat, kann Schwankungen aussitzen. Wer in zehn Jahren aufhören will oder bei jedem roten Depotstand schlecht schläft, kauft sich mit Garantien und einer festen Rentenzusage etwas, das mehr wert ist als ein paar Zehntel Rendite: Ruhe. Mehr dazu im Vergleich mit und ohne Garantie.
Altersvorsorgedepot oder Basisrente?
Die Basisrente, meist Rürup-Rente genannt, gehört zur ersten Schicht der Altersvorsorge. Sie wirkt vor allem über den Sonderausgabenabzug und ist damit für Selbstständige, Freiberufler und Gutverdiener mit hoher Steuerlast interessant. Der Preis dafür ist wenig Flexibilität: keine freie Kapitalauszahlung, keine Beleihung, keine Vererbung an beliebige Personen. Es gibt lebenslange Rente, sonst nichts.
Das Altersvorsorgedepot spielt in einer anderen Liga desselben Systems. Es gehört zur reformierten geförderten privaten Altersvorsorge, arbeitet mit beitragsbezogenen Zulagen und soll kapitalmarktnähere Produkte ermöglichen. Beide Töpfe stehen nebeneinander und können sich ergänzen.
Wie das für Selbstständige konkret aussieht - Förderberechtigung, Reihenfolge der Fördertöpfe, der blinde Fleck bei Gesellschafter-Geschäftsführern und wo der Break-even liegt - steht ausführlich im eigenen Beitrag zu Rürup und Altersvorsorgedepot in Kombination. Kurzfassung: Bei hoher Steuerlast bleibt die Basisrente wichtig, das Altersvorsorgedepot ersetzt sie nicht, und die Statusfrage gehört vorher geklärt.
Und was wird aus dem Riester-Vertrag?
Die häufigste Reaktion auf die Reform ist der Reflex, den alten Riester-Vertrag loszuwerden. Meistens ist das die teuerste aller Optionen.
Bestehende Verträge laufen nach aktuellem Stand weiter. Das Altersvorsorgedepot löst Riester für Neuabschlüsse ab 2027 ab, entwertet aber keinen vorhandenen Vertrag. Viele Policen enthalten Garantien, Rentenfaktoren oder Konditionen, die es heute so nicht mehr gibt. Andere sind schlicht teuer und renditeschwach. Beides kommt vor, und man sieht es dem Produktnamen nicht an.
Bei einer förderschädlichen Kündigung fließen Zulagen und Steuervorteile zurück. Beitragsfreistellung kann deshalb die deutlich bessere Zwischenlösung sein, weil die bisherige Förderung im Vertrag bleibt. Welche Zahlen du dafür brauchst und wie sich Behalten, Ruhenlassen und Wechseln konkret unterscheiden, steht mit Rechenbeispielen im Beitrag Riester behalten, ruhen lassen oder wechseln.
Vergleichsmatrix: Was passt wann?
| Situation | Zuerst prüfen |
|---|---|
| Arbeitgeber zahlt deutlich mehr als 15 Prozent Zuschuss | bAV ausschöpfen, bevor privat gespart wird |
| Arbeitgeber zahlt nur den Mindestzuschuss, Tarif wirkt teuer | bAV und Altersvorsorgedepot im Nettovergleich gegenüberstellen |
| Selbstständig mit hoher Steuerlast | Basisrente, ergänzend Altersvorsorgedepot prüfen |
| Riester mit guten Garantien oder hoher Zulagenhistorie | behalten oder beitragsfrei stellen prüfen, nicht kündigen |
| Riester teuer, renditeschwach, lange Restlaufzeit | Wechsel prüfen - mit echten Vertragszahlen, nicht nach Bauchgefühl |
| Lange Laufzeit, wenig Bedarf an Garantien | Altersvorsorgedepot |
| Wunsch nach lebenslanger garantierter Rente | private Rentenversicherung oder Garantieprodukt |
| Weniger als zehn Jahre bis zum Rentenbeginn | Garantien und Auszahlungsplanung stärker gewichten |
| Sparrate schwankt oder ist noch nicht stabil | Liquidität und Flexibilität vor gebundener Vorsorge |
Vier Fehler, die im Vergleich teuer werden
Nur auf die Förderung schauen. Zulagen und Steuervorteile sind ein Argument, aber sie retten kein teures Produkt. Kosten, Laufzeit, Steuerwirkung in der Auszahlphase und Flexibilität können den Vorteil komplett aufzehren. Wie stark Kosten wirken, zeigt der Beitrag zu Kostendeckel und Provisionen.
Alte Verträge aus Frust kündigen. Ein Vertrag, über den man sich seit Jahren ärgert, ist nicht automatisch schlecht. Ohne Vertragsauszug, Rückkaufswert, Rentenfaktor und Zulagenhistorie ist jeder Vergleich Kaffeesatzleserei.
Das Altersvorsorgedepot mit einem freien Depot verwechseln. Es wird kapitalmarktnäher, bleibt aber ein gefördertes Vorsorgeprodukt mit Zweckbindung und eigener Auszahlungslogik. Worin genau der Unterschied liegt, steht im Vergleich Altersvorsorgedepot und ETF-Sparplan.
Produkte vergleichen statt Aufgaben. Eine bAV mit hohem Arbeitgeberzuschuss erfüllt eine andere Funktion als eine Basisrente oder ein freies Depot. Wer sie in dieselbe Tabelle zwingt, bekommt eine Rangliste, die niemandem hilft.
Die richtige Reihenfolge schlägt das beste Produkt
Gute Altersvorsorge entsteht selten dadurch, dass jemand den neuesten Produktnamen kauft. Sie entsteht durch eine Reihenfolge, die man auch in schlechten Jahren durchhält.
Zuerst gehört auf den Tisch, was schon da ist. Danach das, wo jemand anders mitzahlt oder der Steuerhebel wirkt. Erst dann stellt sich die Frage, welchen Platz ein gefördertes Altersvorsorgedepot bekommt und wie viel Kapitalmarktrisiko du wirklich tragen willst.
Für Angestellte mit gutem Arbeitgeberzuschuss heißt das oft: bAV zuerst, Altersvorsorgedepot als privater, mitnehmbarer Baustein daneben. Für Selbstständige mit hoher Steuerlast: Basisrente als Fundament, Altersvorsorgedepot ergänzend. Für alle mit Riester-Bestand: erst rechnen, dann entscheiden. Welche Rolle Tagesgeld, Immobilie und freie Anlagen daneben spielen, steht im zweiten Teil dieser Reihe.
Was du jetzt tun kannst
- ✓ Arbeitgeber fragen, wie hoch der Zuschuss zur Entgeltumwandlung tatsächlich ist - der gesetzliche Mindestwert ist oft nicht das Ende der Fahnenstange.
- ✓ Alle bestehenden Verträge zusammentragen: Riester, bAV, Basisrente, Rentenversicherungen, ETF-Sparplan.
- ✓ Je Vertrag die harten Zahlen holen: Beitrag, Kosten, Garantiewert, Rentenfaktor, Restlaufzeit, bisherige Zulagen.
- ✓ Deine dauerhaft tragbare Gesamtsparrate festlegen, bevor du sie auf Bausteine verteilst.
- ✓ Nichts kündigen, bevor der Vergleich mit echten Zahlen steht.
Welcher Baustein bei dir vorn steht, hängt an Arbeitgeberzuschuss, Steuerlast, Restlaufzeit und dem, was in deinen bestehenden Verträgen wirklich drinsteht. Genau das schauen wir uns gemeinsam an - ohne Produktdruck.
Kostenloses Check-up-Gespräch buchenHäufige Fragen
Ist das Altersvorsorgedepot besser als eine betriebliche Altersvorsorge?
Nicht automatisch. Eine bAV kann sehr attraktiv sein, wenn der Arbeitgeber deutlich mehr als den gesetzlichen Mindestzuschuss zahlt und der Vertrag günstig kalkuliert ist. Das Altersvorsorgedepot ist dafür privat, nicht arbeitgebergebunden und kapitalmarktnäher. Entscheidend ist der Vergleich im konkreten Fall: Zuschusshöhe, Kosten, Laufzeit und was im Nettoeinkommen ankommt.
Kann ich bAV und Altersvorsorgedepot gleichzeitig besparen?
Ja, die beiden Wege schließen sich nicht aus. Die bAV läuft über den Arbeitgeber, das Altersvorsorgedepot über einen privaten Vertrag mit eigener Förderung. Sinnvoll ist die Kombination vor allem dann, wenn die Sparrate insgesamt dauerhaft tragbar bleibt und der Arbeitgeberzuschuss vorher ausgeschöpft wurde.
Ist eine private Rentenversicherung neben dem Altersvorsorgedepot noch sinnvoll?
Sie kann es sein, wenn dir eine lebenslange Rentenzahlung, ein garantierter Rentenfaktor oder eine planbare Auszahlungsstruktur wichtiger sind als maximale Kapitalmarktnähe. Wer dagegen vor allem Renditechancen und Förderung verbinden will, prüft eher das Altersvorsorgedepot. Beides nebeneinander ist möglich.
Welchen Baustein sollte ich zuerst prüfen?
In der Regel zuerst das, wo jemand anders mitzahlt oder der Steuerhebel am größten ist: einen starken Arbeitgeberzuschuss in der bAV, bei Selbstständigen mit hoher Steuerlast die Basisrente. Danach folgt die Frage, welchen Platz ein gefördertes Altersvorsorgedepot einnehmen soll. Bestehende Verträge gehören in jedem Fall vor jedem Neuabschluss auf den Tisch.
Muss ich mich für einen Baustein entscheiden?
Nein. Die meisten Vorsorgesituationen bestehen aus mehreren Bausteinen mit unterschiedlichen Aufgaben. Die Frage ist eher, wie viel Sparrate dauerhaft tragbar ist und wie sie sinnvoll verteilt wird. Ein Baustein, den du nach zwei Jahren beitragsfrei stellen musst, hilft niemandem.
Dieser Beitrag ist eine allgemeine Einordnung und ersetzt keine Steuer-, Rechts- oder Anlageberatung. Was für dich konkret sinnvoll ist, hängt von deinem Einkommen, deinem Berufsstatus, deiner Familiensituation, bestehenden Verträgen, deinem Liquiditätsbedarf, deiner Steuerlast und deinem Risikoprofil ab.
Quellen und Belege
- Bundesministerium der Finanzen: Fragen und Antworten zur Reform der geförderten privaten Altersvorsorge
- Bundesregierung: Private Altersvorsorge reformiert
- Bundesgesetzblatt: Altersvorsorgereformgesetz, BGBl. 2026 I Nr. 156
- § 1a Betriebsrentengesetz: Anspruch auf Entgeltumwandlung und Arbeitgeberzuschuss
- Deutsche Rentenversicherung: Riester-Rente
